Das Greifen nach Bedeutung ist der Faden
Ein einmaliger, womöglich flüchtiger Blick reicht für diese Objektkästen nicht aus. Bei weitem nicht. Eindringen und sich gehen lassen. Assoziationen folgen, Vorstellungen verknüpfen und vereinen, das Gehirn anstrengen, Eile ist unzulässig bei den Objektkästen von Oleg&Ludmilla. Gezwungen zur Entschleunigung haben wir Zeit, denn wir brauchen Zeit, viel Zeit zum Nachdenken. Am besten Entspannen und abdriften, und immer wieder etwas Neues entdecken, dem Neuen einen Sinn geben oder zumindest einen Namen verpassen, die Bedeutung erkennen, sich mit ihr auseinandersetzen.
Man kann die Objektkästen nicht flott und leicht entschlüsseln, zumal Geheimnisse ihren Reiz niemals verlieren. Die Schlaffen geben auf, die Geduldigen werden belohnt. Ohne Drogen high werden, das ist ein Ziel, ein sinnvolles Ziel, eine Aufgabe, die sich lohnt, man wird belohnt, reichlich belohnt. Darin liegt vermutlich die Absicht des Künstlerpaares. Sie haben sich nicht vergebens geplagt mit den Kleinteilen, die sie eingefügt haben. Wie akkurat kennen Sie den „Garten der Lüste“ oder das „Weltgerichts-Triptychon“ von Hieronymus Bosch? Man muss Symbole entziffern und sie enträtseln, denn das Künstlerpaar versteckt Hinweise, die eine Botschaft übermitteln.
Nicht bloß die Betrachtung verlangt Geduld, desgleichen die Arbeit an den Objektkästen erforderte Geduld und Ausdauer. Dennoch werden die Objektkästen nach intensiven und arbeitsreichen Tagen fertig. – Davon abgesehen: die Auseinandersetzung und die Beschäftigung mit den Objektkästen endet nie.
Manfred Chobot
(Anmerkung: Die Serie RÜCKKEHRER beschäftigt sich mit dem Unerwarteten und dem Wiederauftauchen von Elementen. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Rückkehr keine neutraler Vorgang ist, sondern Transformation bedeutet. Durch die Kombination heterogener Materialien und Fragmente entstehen Arbeiten, die zeitliche Ebenen verschränken und vertraute Ordnungen irritieren. Die Serie untersucht, wie Bedeutungen sich verschieben, wenn etwas in einen neuen Kontext zurückkehrt.)
WER IST KARL ANTON?
ist er der Martin, der Luther, der Schönberg, vielleicht der Gauguin, sieht er ihnen vielleicht nur ähnlich, oder dem van Gogh, oder dem Nasenbohrenden, dem mit dem gestreckten Finger, diesem Schwein, schick mir eine Ansichtskarte, wenn du oben bist, wenn sich ein Speiserestchen in einem Zahn verfangen hat, so benütze man einen Zahnstocher, den man in Gesellschaft nur vor der vorgehaltenen Hand usw., um zu verbergen; wer bin ich, wer ist der Karl Martin Luther? Wer ist wer? Jemand sein ist jemand sein wollen, ist das ein Identitätsproblem? Sein zu wollen wie man nicht ist, der selbstbeFLECKende Karl Anton, der zuerst mir, dann DIR einen Spiegel vor die Nase hält, in dem er sich selbst spiegelt, bist das DU, das nasen-, ohren-, im Schmalz bohrende, zähnestierende Schwein, das abscheulich abstoßende, dieses Schwein, und das auch noch zu essen, das Schwein, seine Totems, deine Tabus, so beFLECKt sich also Martin Luther stellvertretend für Karl Anton, wenn das erst einmal die Ästheten bemerken, den Fleck, so was gibt’s doch gar nicht, der Fleck muss weg! Wenn’s geht ohne Rand, weg mit den Nasenbohrern, den Ohrenstierern, Zähnestierern, und was weiß ich noch alles, Arnold Paul, wer bist du, vielleicht Karl Martin Anton? Paysage, Visage, Land schafft Land (Schlar-Affen-Land?) Landschaft, die programmierte Landschaft, eine Ver-/Umänderung von Bergen, Äckern, eine romantische Landschaft als Vorläufer, mit Kühen als Menschengesichtslandschaft, Landlandschaft von einem Städter gesehen, einem kritischen Blickwinkel nämlich, die Stadtlandschaft mit Hunden und Tauben, jetzt anstatt dessen mit Kühen und (Raben), was sind Raben, wie komme ich auf Raben, nirgends kommen Raben vor, trotzdem komme ich auf Raben, wie komme ich auf Raben, Raben in der Stadt und auf dem Land, die Land-schaft schafft (was?), Land vielleicht, die Stadt schafft Land, die Landschaft aus der Sicht des Urlaubers, mit Kühen, vielen kleinen Kühen, ich muss immer an Kühe denken, an braune und schwarze, an Maisfelder, an Neumarkt, an neue Märkter, an die Landschaft des Gesichtes, die Visage, die gesehene, Paysage, Visage-schaft...
Manfred Chobot, 1973