Fratzen oder Der Horizont ist krumm
Franz Schwarzingers Arbeiten sind Aufzeichnungen, Notate der Wirklichkeit, ein Aufschrei gegen Ungerechtigkeit, Hass, Heuchelei. Die Realität macht es einem Realisten nicht leicht, wenn er den Menschen in seiner Existenz ernst die täglichen Nachrichten jeden Krimi an Spannung. ist Graf Draculas Blutgier gegen die steigende Arbeitslosigkeit im Vergleich zu der existierenden atomaren Bedrohung. ist uns aus den Medien vertraut, wir sind längst nicht mehr imitiert davon. Schrecklich. Der Schrecken ist zur Gewohnheit zur allgegenwärtigen Realität geworden.
Vielleicht lebt es sich einfacher nach dem Motto: nichts hören, nichts sehen, nichts reden. Aber Schwarzinger ist nicht taub, nicht blind, nicht stumm. Schönfärberei ist seine Sache nicht. Er retuschiert die Welt nicht, sondern bietet ihr die Stirn. Hält ihr seine Bilder entgegen.
Schwarzingers Porträts und „Kopftücher“, seine unförmigen Körper und wasserköpfigen Wesen sind Abbilder von geschundenen, misshandelten Kreaturen. Sinnbilder. Trotzig verziehen sie die Fratze. Ihr Widerstand erschöpft sich im Zungen zeigen. Das Entsetzen ist ihnen ins Gesicht gezeichnet. Perchten, die sich tanzend und springend gegen Geister und dem bösen Blick zur Wehr setzen versuchen. Wenn sie sich bewegen, fliegen, flitzen, tun sie das mit einer zynischen Verkrampftheit, denn die Zukunft verheißt wenig Gutes. Franz Schwarzinger verzeichnet die Deformationen, scheut die Auseinandersetzung nicht. Oft verwundet er beim Zeichnen das Papier.
Schwarzinger geht von der Natur oder einem Foto aus, ohne allerdings auf Porträtähnlichkeit Wert zu legen. Die so entstandene Zeichnung dient ihm dann als Vorlage für eine neue; diese wieder für eine weitere. Als endgültig betrachtet wird meist das fünfte bis achte Blatt einer derartigen Kette, wobei die „Entwicklungsstufen“ vernichtet werden.
Die Umrisse von Schwarzingers Figuren passen sich ihren jeweiligen Lebenslagen an. Sie sind Kugeln oder Streichhölzer, die mit ihren Winkelarmen oder Parallelkonturen Bedürfnisse ausdrücken, ohne Rücksicht auf ihre Anatomie. Manche teilen sich eine gemeinsame Linie, um ineinander zu verschmelzen, umarmt erträgt sich alles leichter.
Vom Paradies scheint die Menschheit weiter entfernt als je zuvor. Die Realität ist grausam. Franz Schwarzingers Bilder sind schön.
Manfred Chobot, 1983